Veröffentlicht in Sex.Sinne&Achtsamkeit

oldiebutgoldie from 2021: Die Kunst der Berührung – Wie bewusster Körperkontakt mehr Nähe erzeugt

Sanft gleitet die Hand über die Wange, streift achtsam den Hals, wandert mit gemäßigtem Fingerspitzendruck den Arm herab bis sie die Hand ihres Gegenübers in die eigene legt. Der Mund mühelos lächelnd. Die Augen sanft geschlossen. Geborgenheit und Ruhe stellen sich ein.

In diesem Text geht es um die wohlwollende, sanfte, aufmerksame Berührung, die wir mit einem wertschätzenden Gegenüber erfahren können.

Von all unseren Sinnen entwickelt sich der Tastsinn zuerst. Schon als kleine Babys lieben wir Berührung, dadurch machen wir eine richtige Selbsterfahrungs- und Geborgenheitsparty. Mit zunehmendem Alter werden Berührungen dann immer häufiger zu Mangelware, außer wir finden uns in einer kuschligen Beziehung wieder oder unser Umfeld ist eher „touchy“ unterweg. Hast du dir schon einmal überlegt, bei welcher Art von Berührung dir warm ums Herz wird? Bewusst wahrgenommen, wenn dich jemand berührt oder gar, wenn du jemanden berührst?

Berührung ist Lebensqualität 

Die berühmte Therapeutin Virginia Satir hat einmal gesagt: “Wir brauchen 4 Umarmungen pro Tag zum Überleben, 8 Umarmungen pro Tag, um uns gut zu fühlen, und 12 Umarmungen pro Tag zum innerlichen Wachsen.” Berührungen sind so essenziell wie Trinken und Essen und doch berühren wir öfter unser Smartphone als unser Gegenüber, oder gar gefühlt unsere:n Partner:in oder Freund:innen. Langen intensiven Körperkontakt gibt es in westlichen Ländern vorrangig nur in romantischen Beziehungen. In Freundschaften sind diese meist flüchtig oder nur während des Tröstens langanhaltend. Wir brauchen aber geradezu andere Personen, um uns selbst zu spüren. Denn Kuscheln mit Freunden kann zusätzlich heilsam sein. Von Grund auf hat Kuscheln erst mal rein gar nichts Sexuelles an sich, sondern schafft Geborgenheit und Selbstvertrauen. Langen intensiven Körperkontakt gibt es in westlichen Ländern vorrangig nur in romantischen Bezoehungen. In Freundschaften sind diese meist flüchtig oder nur währen des Tröstens langanhaltend. Gerade in der heteronormativen Welt trägt Berührung oft schon eine sexuelle Komponente mit sich. Dabei ist reines Berühren und Kuscheln ein nahezu menschliches Grundbedürfnis.

Ich kann mich noch erinnern: Ein Freund war bekannt dafür, dass er ein Kuschelbedürfnis hoch 100 hatte, mit Freundinnen jeglicher Art, aber auch seine Freunde nahm er mehr als üblich in den Arm. Es wurde dann ständig gemunkelt, ob er nicht vielleicht doch auf Jungs stehe. Es macht mich traurig, dass diese Gedanken überhaupt gedacht wurden. Als ob es von irgendwelcher Relevanz wäre, mit wem, wie, wann und wo gekuschelt wird  … dem einen oder der anderen hat es mit Sicherheit gutgetan, also go for it.

Eine lange Zeit mussten oder müssen wir noch immer auf die alltäglichen Berührungen verzichten. Immer mehr Menschen wohnen alleine, Begegnungen scheinen oft flüchtig und von oberflächlicher Natur. Und viele sprechen von Einsamkeit und meinen, es mit dem Kopf erklären zu können. Aber Einsamkeit spielt sich auch ganz oft über Berührung ab, es geht dann um ein Zuwenig an Berührung, ein Zuwenig an aufmerksamer Berührung. Wir alle spüren es mehr denn je, dass nicht nur Reden der Psycho-Hygiene hilft, sondern Berührung wahrer Balsam für die Seele ist, oder war und hoffentlich bald wieder kommt.

Mehr Zeit für bewusste Berührung!

Wir wissen nicht erst seit gestern, dass Erfahrungen sowohl unangenehm als auch angenehm tief in unserem Körper verwurzelt sind. Uns ist durchaus bekannt, dass die Digitalisierung geradezu bei all dem Netzwerken, aber auch immer wieder heimlich Einsamkeit schreit und keiner zuhört. Trotzdem wollen alle flexibel bleiben. Schnelles Dating gegen lange Romanzen eintauschen, Arbeitsleben Stress pur, Psyche Stress pur überall Stress, Stress, Stress und dann me, myself and I-Time, um uns selbst was Gutes zu tun. Letzteres ist natürlich von Wichtigkeit geprägt, aber auch Gemeinschaft verbindet. Waren sanfte nichts wollende Berührungen auch im Vor-Corona-Alltag schon schmächtig wenig, gab es jetzt natürlich eine Explosion der Nicht-Berührung, weil Abstand Leben schützt. Während einer Berührung ist die Verbindung von Haut und Gefühl wichtig. Vor allem sanfte Streichelbewegungen sind wertvoll. Das Hormone Oxytocin kann nach angenehmen Berührungen Stress abbauen, es wird sogar gemunkelt, dass es dazu beiträgt, Depressionen zu lindern, natürlich nicht ausschließlich allein, aber als unterstützende Mauer fungiert es. Denn Oxytocin stärkt das Vertrauen und fördert soziale Bindung. Müssen wir die Berührungslosigkeit jetzt nachholen? Oder bleiben wir weiterhin mehr auf Distanz? Werden wir übereinander herfallen oder ist die Kontaktlosigkeit jetzt unsere neue Norm? Was macht das mit uns, wenn wir in Bezug auf Körperkontakt nur schnelle flüchtige Begegnungen haben? Und bleiben Selbstvertrauen, Resilienz unverändert oder befeuert es eine Missgunst in diesen Bereichen?

Little Side Note:

Dann ist da noch das Phänomen mit dem Sex. Manchmal habe ich das Gefühl, manche verwechseln das Bedürfnis nach Sex mit dem Bedürfnis nach Nähe. Es wird dann wild aneinander vorbeigef…, obwohl Mensch sich nach körperlicher Nähe, Berührung und Zuneigung sehnt. Schneller unverbindlicher Sex überall und mit jedem:r machbar ist on fleek.

Doch bohre ich etwas tiefer, rein fragetechnisch natürlich, beschleicht mich oft die Wahrnehmung, dass viele so gar nicht zufrieden sind, mit diesem flüchtigen Rumgeturne, sondern geradezu nach Deep-Connecten craven. Das aber nur am Rande als kleiner Denkanstoß, ihre Mäuse.

Bider von Anna Shvets via Pexels

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